Wehrleiternachwuchs in der SZ

Dieses Baby ist ein Wunder!

Der Schreck sitzt Michael Stelzig auch heute noch in den Gliedern. Fast hätte er beide verloren: seine schwangere Lebensgefährtin und das Kind. Claudia Hiltscher hatte um 17 Uhr in der Gemeindeverwaltung Markersdorf ihren Arbeitsplatz verlassen. Dann löste sich bei der 29-Jährigen zu Hause in Friedersdorf plötzlich die Plazenta, also der Mutterkuchen, der ihr ungeborenes erstes Kind ernährte. Alles ging sehr schnell, Notarzt, Rettungswagen, OP-Tisch. Der Junge wog 980 Gramm und war gerade mal 36 Zentimeter groß. Dem Frühchen fehlen reichlich 12 Entwicklungswochen im Mutterleib. Normalerweise wiegen Neugeborene etwa 4000 Gramm und sind etwa 50 Zentimer groß.

Geburtstermin war der 31. Mai.


Die große Aufregung und Sorge liegt jetzt schon gut sechs Wochen zurück. Gestern feierte Claudia Hiltscher ihren 30. Geburtstag. Es wäre auch ihr erster Tag im Mutterschutz vor der Entbindung gewesen. Als Geburtstermin für ihren Kleinen war der 31. Mai vorausgesagt. Finn und seine Mama Claudia waren und sind seit den dramatischen Stunden in guten Händen. Die junge Frau lag vier Tage auf der Intensivstation, ihr Erstgeborener wurde von den Fachleuten der Kinderklinik am Städtischen Klinikum Görlitz betreut. Perinatalzentrum ist das sperrige Wort für die Facheinrichtung im Klinikum, in der die besonders kleinen Frühgeborenen mit einem Gewicht von unter 1500 Gramm betreut werden. Schon seit einigen Jahren setzen Chefarzt Hans-Christian Gottschalk und sein Team auf die sanfte Medizin für diese Winzlinge. „Wir gehen in Görlitz diesen besonderen Weg und fühlen uns verpflichtet, nur so viel Intensivmedizin einzusetzen, wie absolut nötig ist“, so der Chefarzt.

Was das bedeutet, haben Finn und seine Eltern erlebt. Weil die Mama noch auf der Intensivstation lag, bekam der Papa sein Söhnchen wenige Minuten nach der Geburt auf die nackte Brust gelegt. Für Michael Stelzig bedeutete das eine neue Erfahrung. „Man merkt, wie Finn das genießt und ganz ruhig wird“, sagt er. Obwohl sein Sohn noch so winzig war, hat er keine Angst gehabt, ob er alles richtig macht. „Vielleicht hätte ich zu Hause Zweifel gehabt, aber hier in der Klinik sind ja immer Schwestern und Ärzte da“, sagt der Feuerwehrmann dankbar für die gute Betreuung seiner kleinen Familie.

„Der Vater hat anfangs die Mutterrolle übernommen“, sagt Hans-Christian Gottschalk. Er kümmerte sich um den Kleinen, besuchte seine Frau, pendelte zwischen den Stationen hin und her. Finn bekam von Anfang an Muttermilch und wurde nicht künstlich beatmet. In der Klinik sollen die Frühchen ähnliche Verhältnisse vorfinden wie im Mutterleib. Die Eltern streicheln und berühren sie, sprechen mit ihnen, das Zimmer ist warm, leise und dunkel.

Neues Verfahren stärkt Lunge

Grundsätzlich werden sie mit kleinsten Mengen Muttermilch ernährt. Das Medikament, das die Lungenreife fördern soll und üblicherweise mit der künstlichen Beatmung eingeführt wird, bekommen die Görlitzer Frühchen mit einer winzigen Sonde tröpfchenweise. Das Verfahren sei momentan auf dem Wege, die Frühgeborenenmedizin zu revolutionieren, sagt der Chefarzt. Finn ist für seine Eltern ein riesiges Glück. Er entwickelt sich prächtig, wird voll gestillt, lächelt schon und kann vielleicht in einer Woche schon nach Hause.


SZ, 20.04.2010 (Carla Mattern)
4 Antworten
  1. Micha und Claudi
    Micha und Claudi says:

    Jetzt ist unser kleiner Finn aus dem „Gröbsten“ raus und wir möchten allen die uns unterstützt ,mit uns mitgefühlt und gebangt haben danken. Wir werden deshalb unseren Nachwuchs mit unseren Freunden auf dieser Welt willkommen heißen und ihn ordentlich pullern lassen! Näheres geben wir Euch noch bekannt.
    Wir möchten aber vor allem auch dem Rettungsdienst, den Hebammen, Schwestern und Ärzte der Intensivstation, der Wöchnerinnenstation und vor allem der Station H2N im Klinikum, wo unser Finn viele Wochen liebevoll betreut wurde, ein herrzliches Dankeschön senden. Ohne Ihre Hilfe gebe es nicht unsere kleine glückliche Familie.
    Vielen herzlichen Dank
    Claudia, Michael und klein Finn

    Antworten
  2. Dani
    Dani says:

    …wir freuen uns wahnsinnig dass Ihr endlich zu Hause seid und nun das „normale“ Familienleben geniessen könnt mit schlaflosen Nächten, vollen Windeln, stundenlangem `Baby beim Schlafen zugucken`, `für jede schlaflose Stunde entschädigt sein mit nur einem einzigen Lächeln von Finn` und was sonst noch so alles dazugehört 🙂 …

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